MOTOURISMO Scouts Adventures (1): Die Dinaric Rallye
Der Auftakt unserer Scouts Adventures: Fünf Tage Dinaric Rallye in Kroatien, ein umgebautes KLR650, ein Münzwurf über Start oder Kamera – und die Frage, was passiert, wenn du eine Rallye gleichzeitig fahren UND filmen willst.
von
Nikita Dashenko
Willkommen bei den Scouts Adventures
Ab heute nehmen wir dich mit auf eine neue Reise: die MOTOURISMO Scouts Adventures. In dieser Serie schicken wir unsere eigenen Leute los, um Touren, Rennen und Regionen nicht nur zu beschreiben, sondern selbst zu erleben – mit Kamera, Zelt und viel zu wenig Schlaf. Den Auftakt macht ein Ziel, das uns schon lange gereizt hat: die Dinaric Rallye in Kroatien. Fünf Tage, ein Team aus zwei Leuten, ein Motorrad – und ein Plan, der eigentlich von Anfang an zu ambitioniert war. Denn wir wollten nicht nur zuschauen. Wir wollten mittendrin sein und gleichzeitig alles auf Video festhalten. Wie das ausgegangen ist, erzählen wir dir hier.
Die Dinaric Rallye: Kroatiens junge Offroad-Legende
Rallyes haben in Europa eine lange Geschichte, von den Dakar-Vorläufern mit Start in Paris über italienische Klassiker bis zur Hellas Rally Raid in Griechenland. Die Dinaric Rallye ist dagegen noch jung: 2020 rund um Knin gestartet, zunächst als dreitägiges Event in einer Region, die eigentlich für Skifahren und Bergsteigen bekannt ist. Dahinter steckt Perica Matijevic, hauptberuflich in der Bergrettung unterwegs und seit jeher Offroad-Fan durch und durch. Sein Ziel: einen festen Platz im europäischen Rallye-Kalender. Das hat schneller geklappt, als viele erwartet hätten. Schon die erste Ausgabe zog Enduro-Fahrer, Offroad-Freaks und semiprofessionelle Racer an, die hier ihre Dakar-Vorbereitung testen wollten. 2021 wuchs die Rallye auf fünf Tage, inklusive einer Marathon-Etappe hinüber nach Bosnien-Herzegowina, echter Roadbook-Navigation und einem Bivouac, das sich vor Hellas oder der Rallye Andalucia nicht verstecken muss. Die Strecken wurden länger, das Gelände blieb kompromisslos – und mit den Klassen Adventure und Rally ist hier Platz für Profis wie Isaac Feliu genauso wie für ambitionierte Enduro-Amateure.
Der Münzwurf: Wer fährt, wer filmt?
Unser Problem war hausgemacht: Wir wollten für MOTOURISMO über die Dinaric Rallye berichten – und gleichzeitig selbst an den Start gehen. Beides zugleich funktioniert bei einer Rallye schlicht nicht. Wer fährt, braucht jede Sekunde Konzentration: Adrenalin, Navigation, das Gefühl für Zeit verschwindet komplett. Wer filmt, braucht Ruhe, den richtigen Standort und einen kühlen Kopf. Am Abend vor dem Start saßen wir also im Bivouac und mussten uns entscheiden. Die Lösung war denkbar unkompliziert: eine Münze. Kopf heißt, Lennart fährt. Zahl heißt, ich – Eglé – fahre. Die Münze fiel auf Kopf. Lennart bekam den Startplatz, ich schnappte mir Stativ und Kameras und wurde für die nächsten fünf Tage zur Rallye-Filmerin. Im Rückblick war das die richtige Entscheidung – auch wenn ich beim Startschuss am liebsten selbst im Sattel gesessen hätte.
Ankunft im Bivouac von Knin
Schon die Ankunft im Bivouac bei Knin machte klar, worauf wir uns eingelassen hatten. Organisatoren, Marshals und Stammfahrer nahmen uns auf, als wären wir schon lange Teil der Familie. Perica erklärte uns, was die Rallye 2021 besonders machte: eine auffällig starke Adventure-Enduro-Klasse, in der ganz normale Reise-Enduro-Fahrer plötzlich Rallyesport betreiben. "Wir haben Fahrer auf der BMW GS1200, der Africa Twin, der Yamaha Ténéré 700", sagte er uns – Maschinen, die man eher auf einer gemütlichen Balkan-Tour erwartet als am Start einer Rallye.

Die Starterliste war ein Querschnitt durch die ganze Offroad-Szene: ein Vater-Sohn-Team bei ihrer ersten gemeinsamen Rallye, deutsche Fahrer auf Ténéré 700 und Africa Twin, der Tscheche Pavel Kunc, der hier auf Weltklasse-Niveau trainierte, der Kroate Victor auf seiner WR450 auf der Suche nach der nächsten Herausforderung – und Wolfgang Payr aus Österreich, der sich gezielt auf die Dakar vorbereitete. "Viele denken, Rallyesport ist nur was für Profiteams", sagte uns Wolfgang. "Das stimmt nicht. Ich bin vor acht Jahren mit Offroad angefangen, jetzt ist die Dakar mein Ziel." Genau diese Mischung aus Traum und Realität macht die Dinaric Rallye so besonders.
Fünf Tage Kampf: Prolog, Marathon-Etappe und die Krise
Der Prolog dient eigentlich dazu, Strecke und Navigation kennenzulernen und die Startreihenfolge nach Tempo festzulegen – die meisten Fahrer fahren hier taktisch, nicht auf Vollgas. Lennarts Strategie war denkbar einfach: ankommen. Sein umgebautes KLR650 hatte zwar eine angepasste Federung und einen frisierten Vergaser, war aber alles andere als eine echte Rallyemaschine. Einen Begleit-Truck konnten wir uns nicht leisten, jede Reparatur musste am Straßenrand passieren. Ich kämpfte an diesem ersten Tag vor allem gegen mich selbst: 80er-Rock aus den Boxen, Marshals, die den Countdown runterzählten – und der pure Wunsch, selbst loszufahren, statt hinter der Kamera zu stehen.
Der zweite Tag brachte dann die Marathon-Etappe: über 300 Kilometer durch unberechenbares kroatisches und bosnisches Gelände. Lennart kämpfte sich über schroffe Bergpfade, durch Flussdurchfahrten und über Geröllfelder, stürzte mehrmals, und der Vergaser der KLR streikte ausgerechnet an den unpassendsten Stellen. Ich war unterdessen mit den Fotografen von Actiongraphers unterwegs, immer auf der Suche nach der besten Position für die nächste Einstellung – und gleichzeitig ständig auf die Live-Tracking-App fixiert. Jedes Mal, wenn Lennarts Punkt auf der Karte stehen blieb, schwankte ich zwischen Zuversicht und Panik. Was von außen wie ein einziges, tosendes Chaos aus Staub, Motorenlärm und Adrenalin wirkte, war für uns beide gleichzeitig Knochenjob und Highlight.

Am dritten Tag war dann Schluss: Zu viele Stürze, der Vergaser endgültig hinüber – die KLR war nicht mehr fahrbereit. Anders als in früheren Jahren, in denen Lennart notfalls bis Mitternacht geschraubt hätte, ließ der Zeitplan mit anschließenden Tourterminen keine Rettung mehr zu. Er tauschte den Helm gegen die zweite Kamera und wurde mein Partner beim inoffiziellen Rallye-Filmen: durch weglose Pisten stapfen, hinter Felsen kauern, auf regennasse Bäume klettern, um die richtige Perspektive zu bekommen. Einen der eindrücklichsten Momente lieferte ausgerechnet Wolfgang: Nach einer verpassten Kurve rutschte sein Motorrad einen steilen, dornenbewachsenen Abhang hinunter. Wir versuchten es zu dritt zu bergen, bis schließlich ein Fahrzeug der Organisation mit Abschleppseil half. Wolfgang bog den verbogenen Roadbook-Halter gerade, richtete die Hebel wieder aus, stieg auf – und fuhr winkend über die Ziellinie.
Was bleibt: die Essenz einer Rallye – und der Anfang der Serie
Eine Rallye ist im Kern eine Prüfung. Drückst du den SOS-Knopf, wenn du nachts allein am Berg feststeckst, oder machst du weiter? Gibst du auf, wenn das Motorrad den Hang runterrutscht, oder holst du es zurück und fährst weiter? Selbst ambitionierte Adventure-Enduro-Amateure geraten irgendwann in einen Modus, in dem nur noch das Ziel zählt. Genau das ist die Essenz der Dinaric Rallye: Du kämpfst gegen jeden Widerstand, und wenn du die Ziellinie überquerst, bist du ein besserer Fahrer als vorher.
Ein paar Praxis-Fakten für alle, die selbst Lust auf so etwas bekommen haben: Für die Dinaric Rallye brauchst du weder FIM-Lizenz noch Rennerfahrung, sie steht Profis, Amateuren, Adventure-Fahrern und Offroad-Neulingen offen – vorausgesetzt, du bringst mindestens zwei Jahre Offroad-Erfahrung mit, bist sicher im schnellen Fahren auf losem Untergrund und traust dir längere Offroad-Distanzen zu. Das Gelände wechselt zwischen groben Steinpisten, steilen Auf- und Abfahrten, losem Schotter, Feldwegen und Waldpfaden, gefahren wird mit 250- bis 1200-ccm-Maschinen, ob Enduro, Rally-Replika oder große Reise-Enduro. Übernachtet wird im Bivouac-Zelt oder in Hotels rund um Knin, navigiert per Roadbook oder GPS, und die Tagesetappen liegen je nach Klasse zwischen 250 und 350 Kilometern.
Wenn dich diese Geschichte gepackt hat und du selbst Lust auf kroatisches Offroad-Terrain bekommen hast – auch ohne gleich bei einer Rallye zu starten: Unsere Enduro-Tour Istrien führt dich geführt durch genau die Wälder, Flussbetten und Schluchten, in denen Lennart um jeden Meter gekämpft hat, mit KTM-Mietmotorrad und Gruppen, die nach Fahrniveau eingeteilt werden. Wer es kompakter mag, findet mit der 6-tägigen Variante denselben Mix aus Wald, Fels und Sanddünen in kürzerer Form. Beide Touren sind für Einsteiger wie erfahrene Fahrer offen – kein Rallye-Startplatz nötig, aber garantiert derselbe Staub unter den Stiefeln.
Die Dinaric Rallye war erst der Anfang unserer Scouts Adventures. Im nächsten Teil der Serie tauschen wir das Renngelände gegen die kroatische Küste und erzählen, wie aus fünf harten Rallye-Tagen eine entspannte Bike-Cruise entlang der Adria wurde. Bleib dran.